Interview zum HR FESTIVAL in Zürich „Eine starke Kultur gibt uns die Fähigkeit, schwierige Probleme zu lösen“

Thomas Zurbuchen, ehemaliger Wissenschaftsdirektor der NASA und heutiger Leiter von ETH Zürich Space, ist einer der Keynote Speaker beim „HR FESTIVAL europe“, das am 26. und 27. März in Zürich stattfindet. Im Interview mit dem Magazin „HR Today“ gab er Einblicke in seinen Führungsstil, seine Art des Talentmanagements sowie wertvolle Tipps für HR-Professionals. Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Version.

Thomas Zurbuchen (Bild: NASA)
Thomas Zurbuchen, Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie an der ETH Zürich, war mehrere Jahre lang Wissenschaftsdirektor bei der NASA. (Bild: NASA)

HR Today: Herr Zurbuchen, Sie waren von 2016 bis 2022 wissenschaftlicher Leiter der US-amerikanischen Weltraumbehörde NASA. Was tun Sie heute?

Thomas Zurbuchen: Ich arbeite Teilzeit als Leiter von ETH Zürich Space. In dieser Rolle bin ich intensiv damit beschäftigt, einen neuen Masterstudiengang in Weltraumwissenschaft und -technologie zu entwickeln. Dieses Projekt schreitet sehr schnell voran – wir werden später im Jahr die erste Klasse starten. Parallel dazu arbeite ich mit unserem Team daran, die Weltraumforschung zu erweitern und die Kooperation mit Unternehmen aus der Raumfahrtbranche in der Schweiz und in Europa zu stärken. Diese drei Bereiche bilden meine Hauptaufgaben an der ETH. Zudem bin ich als Speaker und Berater für verschiedene Unternehmen tätig.

Weshalb haben Sie die NASA verlassen?

Thomas Zurbuchen: Meine Zeit als wissenschaftlicher Leiter der NASA war die längste, die jemals jemand in dieser Position verbracht hat. Es ist eine herausfordernde Rolle, zudem hatte ich das Gefühl, dass ich all das erreicht hatte, was ich mir vorgenommen hatte und was von mir erwartet wurde. Mit der Zeit stellte ich fest, dass ich nicht mehr viel Neues lernte. In einer solchen Situation nur mitzuschwimmen, ist weder für mich noch für die Organisation von Vorteil.

Auch bin ich der Überzeugung, dass gute Führung nicht nur bedeutet, zur richtigen Zeit den richtigen Posten zu bekleiden, sondern diesen zum richtigen Zeitpunkt auch wieder zu verlassen.

Dieser war für mich mit der erfolgreichen Inbetriebnahme des James-Webb-Teleskops gekommen.

HR Today: Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Thomas Zurbuchen: Mein Führungsstil ist geprägt durch die Bildung von interdisziplinären Teams, die sich aus Personen mit unterschiedlichen Hintergründen, Fähigkeiten und Stärken zusammensetzen. Das Ziel hierbei ist, Möglichkeiten zu schaffen, die zu Beginn vielleicht nicht offensichtlich sind oder an die die Teammitglieder selbst nicht glauben. Ein Beispiel hierfür ist das James-Webb-Teleskop: Dieses Projekt stand aus verschiedenen Gründen kurz vor dem Scheitern, insbesondere weil das Kernteam, das für die wichtigsten Aufgaben verantwortlich war, nicht effektiv zusammenarbeitete. Durch die Förderung von Vielfalt und interdisziplinärer Zusammenarbeit strebe ich danach, solche Herausforderungen zu überwinden und innovative Lösungen zu entwickeln.

Terminhinweis und Rabatt-Aktion für PERSONALintern-Lesende

Thomas Zurbuchen hält am ersten Tag des HR FESTIVAL europe (26.– 27. März 2024, Messe Zürich) die Keynote «Building a Superteam: Leadership Lessons from NASA».

Leserinnen und Leser von PERSONALintern haben mit dem Rabattcode per_hrf24_30J4 kostenlosen Eintritt ins Festival, an dem unter anderem rund 60 Inputreferate zu diversen HR-Themen geboten werden.

Weitere Informationen zum HR FESTIVAL europe: www.hrfestival.ch

HR Today: Wie haben Sie eine starke Organisationskultur bei der NASA gefördert?

Thomas Zurbuchen: Kultur ist ein Aspekt, bei dem Führung eine enorm wichtige Rolle spielt. Sie gleicht einer Schere, die sich sowohl von oben als auch von unten zusammenfügt. Sie liegt aber klar in der Verantwortung der Führungskräfte, die definieren müssen, welche Kultur gelebt und wie sie gefördert wird. Kultur besteht nicht einfach nur aus Worten oder Powerpoint-Slides, sondern aus tatsächlichen Verhaltensweisen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Ethik: Wir strebten bei der NASA immer danach, das Richtige zu tun, selbst wenn es kurzfristig positive Konsequenzen hätte haben können, wenn ethische Grenzen überschritten werden. Das vermieden wir konsequent.

Kultur ist aber etwas, das man nicht einfach einmal festlegt und dann vergisst. Man muss kontinuierlich an ihr arbeiten und viel über sie sprechen – sogar so viel, dass es fast langweilig wird. Nur so kann man sicherstellen, dass man wirklich genug tut.

Denn eine starke Kultur gibt uns die Fähigkeit, schwierige Probleme zu lösen, insbesondere indem sie sicherstellt, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden, auch wenn die Führungsperson gerade nicht da ist. Das ist es, was eine wirkungsvolle Kultur ausmacht.

HR Today: Wie ist es Ihnen gelungen, bei der NASA eine Atmosphäre zu kultivieren, die Innovation und wissenschaftlichen Fortschritt fördert?

Thomas Zurbuchen: Um ein Umfeld zu schaffen, in dem Innovation und wissenschaftlicher Fortschritt gedeihen können, sind zwei Dinge entscheidend: erstens das konsequente Sprechen über Ziele. Innovation und Führung sind bei der NASA eng miteinander verbunden – ohne Innovation fehlt es an Führung. Das bedeutet, wenn wir immer wieder dasselbe tun, wie wir es schon kennen, dann besteht ein Führungsvakuum. Ein Beispiel dafür ist meine Regel, dass jeder Satellit eine neue Technologie enthalten muss. Ist das nicht der Fall, möchte ich nichts mit dem Projekt zu tun haben.

Innovation bedeutet manchmal auch, bestimmte Dinge nicht mehr zuzulassen. Stattdessen muss man Werte setzen, die Innovation fördern. Der zweite wichtige Punkt ist die Frage, wie hoch das Risiko ist, das eingegangen werden darf. Die Antwort darauf kann niemals null sein. Zwar ist es einfach, die Frage zu stellen, aber die Antwort zu finden, ist komplex. Es ist nicht möglich, ein Dokument zu erstellen, das Risiken fest verankert, aber man kann definieren, wie man mit Risiken umgeht. Oft ist es für die Menschen schwierig, Risiken in sich verändernden Umgebungen einzuschätzen, da emotionale Aspekte im Weg stehen.

Die Herausforderung besteht darin, eine Umgebung zu schaffen, die Innovation nicht nur als gut oder sogar essenziell anerkennt, sondern auch diejenigen unterstützt, die innovativ arbeiten. Wenn dabei mal etwas schiefgeht, ist das auch in Ordnung, solange es nicht aufgrund von Nachlässigkeit oder offensichtlichen Fehlentscheidungen geschieht.

Stattdessen geht es darum, Raum für Innovation zu schaffen und die Menschen darin zu unterstützen, tatsächlich Neues zu wagen, auch wenn dies nicht frei von Risiken ist.

HR Today: Wie haben Sie Talente entdeckt und gefördert?

Thomas Zurbuchen: Es ist wichtig, nicht nur auf die offensichtlichen Leistungsträger zu achten. Oft kommen in einem Team immer die gleichen Personen mit Lösungen. Die Frage ist jedoch, ob es wirklich immer dieselbe Person sein muss. Ich initiierte deshalb gezielt Nachwuchsförderungsprojekte, in denen sich die Leute in schwierigen Projekten und Führungsaufgaben beweisen konnten. So konnte ich beurteilen, wie gut sie wirklich sind – manchmal sind sie sogar besser, als sie selbst glauben.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Führung ist, eine Liste der Personen zu haben, die für das Unternehmen unverzichtbar sind und gefördert werden müssen – seien das 20 Prozent der Belegschaft oder eine bestimmte Anzahl an Namen.

Es ist entscheidend zu wissen, wer diese Personen sind, um sie gezielt zu fördern, indem man ihnen anspruchsvolle Aufgaben gibt, an denen sie wachsen können. Es ist wichtig, dass dies die ganze Organisation so praktiziert: Sie muss wissen, wer ihre besten Leute sind, und wenn es Lücken gibt, wo man diese findet und wie man sie ins eigene Unternehmen holt.

HR Today: Waren Quereinsteigende für Sie auch ein Thema?

Thomas Zurbuchen: Quereinsteigende waren nicht nur zufällig ein Thema, sondern wurden ganz bewusst in Betracht gezogen. Bei sich ändernden Kulturen und Umfeldern, in denen neue Akteure mit neuen Wertesystemen auftreten, ist es äusserst wichtig, Personen einzubeziehen, die «mehrsprachig» sind – also die sowohl die Bedeutung als auch die Kultur der alten und der neuen Welt verstehen.

Sehr oft kommen Quereinsteigende aus einer anderen Kultur. Das kann etwa eine Person sein, die ein Start-up gegründet und verkauft hatte und dann für eine begrenzte Zeit in die Organisation kommt, um ein Netzwerk aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln, bevor sie möglicherweise wieder geht und eine neue Firma gründet. Ich stellte ganz bewusst Leute ein, die die neue Kultur mit der alten verbinden konnten. Entsprechend sind Quereinsteigende nicht nur akzeptabel, sondern ein wichtiger Bestandteil des Teams.

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HR Today: Welchen Rat haben Sie für HR-Professionals, die Führungskräfte in technisch anspruchsvollen und innovativen Umgebungen entwickeln müssen?

Thomas Zurbuchen:  Hier gibt es zwei entscheidende Aspekte. Erstens müssen die HR-Professionals verstehen, welche Ziele das Unternehmen verfolgt und wie diese Ziele auf die individuellen Karrieren der Mitarbeitenden übertragen werden können. Hierbei ist es wichtig, dass sie die Bandbreite zwischen konservativem Vorgehen und voller Innovationsbereitschaft berücksichtigen und verstehen, wo sich das Unternehmen in diesem Spektrum befindet. Zweitens müssen HR-Professionals sicherstellen, dass sie die Werkzeuge und Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, effektiv nutzen. Diese Werkzeuge sind entscheidend, um die Mitarbeitenden bei der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen. Dies schliesst finanzielle Aspekte ebenso ein wie den Aufbau von Mentoren-Netzwerken und die Identifizierung von Lücken, in denen die Mitarbeitenden Unterstützung benötigen.

Darüber hinaus sollten HR-Professionals eine aktive Rolle in der Führungsebene einnehmen, indem sie gegen oben die Bedürfnisse der Mitarbeitenden vertreten und gegen unten aufzeigen, wie die verfügbaren Ressourcen genutzt werden können, um die Unternehmensziele zu erreichen.

Das Interview führte Daniel Thüler, Chefredakteur bei HR Today.

Zum Interview mit Thomas Zurbuchen in voller Länge gelangen Sie hier.

 

Über die Person

Der schweizerisch-US-amerikanische Astrophysiker Thomas Zurbuchen, geboren 1968 in Heiligenschwendi, war von 2016 bis 2022 Wissenschaftsdirektor der US-Raumfahrtbehörde NASA. Dort war er verantwortlich für insgesamt 91 Missionen, unter anderem das James-Webb-Teleskop oder die Mars-Rover-Missionen von Perseverance und Ingenuity. Zuvor arbeitete Zurbuchen als Professor für Weltraumforschung und Raumfahrttechnik an der University of Michigan. Seit vergangenem August leitet er als Professor für... mehr

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