Interview zur Modern Work Tour mit Anna und Nils Schnell „Am Ende kommt es darauf an, was wir wirklich, wirklich tun!“

Wie wird die Zukunft der Arbeit weltweit gestaltet? Dieser Frage sind Anna und Nils Schnell während ihrer „Modern Work Tour“ nachgegangen und haben dafür 260 Unternehmen und Arbeitsplätze in 55 Ländern besucht. Mit PERSONALintern sprachen die beiden über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse.

Gobi Wüste (Bild: MOWOMIND)
Nach krassen Arbeitsphasen auf der Modern Work Tour braucht es auch krasse Auszeiten wie hier in der Wüste Gobi. (Bild: MOWOMIND)

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Weltreise als Lernreise zur Zukunft der Arbeit zu unternehmen?

Nils Schnell: Wir haben beide am gleichen Tag Geburtstag und machen dann immer eine gemeinsame Städtereise. 2016 waren wir in Barcelona, wo uns angeboten wurde, ein spannendes Unternehmen zu besuchen. Wir hatten nichts zu verlieren, außer ein paar Stunden unserer Urlaubszeit. Da wir uns damals schon beruflich mit dem System Arbeit beschäftigt haben, wollten wir die Chance nutzen – und hatten bei dem Termin einen richtig guten Wissensaustausch. Im Jahr darauf haben wir Ähnliches in Budapest wiederholt.

Anna Schnell: Unser Gedanke war: Wenn so ein Wissensaustausch in zwei europäischen Hauptstädten funktioniert, dann muss das auch weltweit gehen. Die Idee passte gut zu unserem Wunsch, einmal eine Weltreise zu machen. Allerdings fühlte es sich nicht richtig an, ein Jahr oder länger raus zu sein und unsere Agentur komplett ruhen lassen. Und da wir uns schon immer gefragt haben, wie eigentlich die Zukunft der Arbeit in anderen Ländern der Welt gestaltet wird, entstand der Gedanke zur „Modern Work Tour“.

Nils Schnell: Am Ende waren es eigentlich drei Touren. Wir sind 2018 in Osteuropa gestartet und von dort aus nach Asien, Ozeanien bis in den Nahen und Mittleren Osten gereist. Dann kam 2019 kurz vor Pandemiebeginn die Afrika-Runde, und die letzte Reise führte uns 2022/2023 nach Süd-, Mittel- und Nordamerika.

Sie haben 260 Unternehmen und Arbeitsplätze in 55 Ländern besucht und sich mit verschiedenen Experten über ihre Einstellungen und ihr Erleben in Bezug auf Moderne Arbeit ausgetauscht. Wie sind Sie bei der Auswahl der Gesprächspartner vorgegangen?

Anna Schnell: Wir haben uns mit der Zeit ein gutes dreistufiges System aufgebaut. Die erste Stufe war unser Netzwerk. Wir haben uns immer gefragt: Kennen wir Menschen, die entweder aus dem Land kommen oder vor Ort jemanden kennen? So kommen die besten Verbindungen zustande, weil einem ein Grundvertrauen entgegengebracht wird. Die zweite Ebene war die Kaltakquise mit vorheriger Recherche auf LinkedIn, Social Media und Websites wie AngelList, wo Venture Capital-geförderte Unternehmen gelistet sind. Die dritte Ebene war, dass wir vor Ort weiterempfohlen wurden.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Unternehmen, die Sie kennenlernen wollten, ausgesucht?

Nils Schnell: Grundsätzlich haben wir uns bei der Auswahl eher auf die zukunftsgewandten Unternehmen dieser Erde fokussiert, die als Best Practice dienen können. Arbeit weltweit in all seinen Höhen und auch prekären Tiefen zu betrachten, wäre eine Nummer zu groß für uns gewesen.

Wir sind aber nicht auf einem Auge blind durch die Welt gereist. Wir hatten einige NGOs als Purpose Partner, die alle im Nachhaltigkeitsbereich aktiv sind und vor Ort einen wirksamen Beitrag liefern.

Wir haben uns bemüht, diese mit spannenden Unternehmen aus der Region zu vernetzen und Gelder auch aus Deutschland zu akquirieren. Beispiele sind Mission to Marsh, die sich um die Renaturierung von Mooren kümmern, und Jocotoco in Ecuador, die sich der Biodiversität verpflichtet haben.

Mit welchen Vorstellungen von modernem Arbeiten haben Sie die erste Reise angetreten? Und inwieweit haben sich diese in der Zwischenzeit gewandelt? Gibt es bestimmte Überzeugungen, die Sie über Bord geworfen haben?

Nils Schnell: Wir hatten natürlich schon Ideen im Kopf, aber noch kein gefestigtes Bild, weil wir vorher vor allem in der deutschen New Work-Blase unterwegs waren. Bei den ersten Recherchen haben wir gemerkt, dass New Work den Menschen anderswo oft nichts sagt. Wir haben dann für uns herausgefunden, dass Modern Work der geläufigere Begriff ist. Wir wollten während der Tour herausarbeiten, wofür er steht.

Anna Schnell: New Work verstehen wir als den freiheitsphilosophischen Denkansatz von Frithjof Bergmann. Der hat immer gesagt: Arbeit sollte so gestaltet sein, dass sie uns so stärkt, dass wir uns am Wochenende nicht von ihr erholen müssen. Sich mit dem Sinn, dem Purpose, auseinanderzusetzen und herauszufinden, was man wirklich, wirklich will, halten wir für wichtig. Aber der entscheidende Schritt danach wird gefühlt zu wenig diskutiert:

Am Ende kommt es darauf an, was wir wirklich, wirklich tun!

In den Begegnungen, die uns während der Modern Work Tour am meisten begeistert haben, zeigte sich, dass die handelnden Menschen immer eine Menge Proaktivität an den Tag legen. Dafür steht für uns der Begriff Modern Work.

Zu Beginn der ersten Reise hatten Sie bereits Ihre Firma MOWOMIND gegründet. Wie haben Sie diese von unterwegs am Leben gehalten?

Anna Schnell: Wir haben mit unseren bestehenden Kund*innen remote weitergearbeitet und die jeweiligen Meetings, etwa zur Führungskräfteentwicklung, sowie individuelle Coachings eben von unterwegs online durchgeführt. Teilweise haben wir dann in außergewöhnlichen Zeitfenstern um zwei oder drei Uhr nachts gearbeitet. Die Unternehmen haben das sehr gut angenommen. Selbst die Neukund*innengewinnung aus Deutschland oder aus dem DACH-Raum lief erstaunlich gut.

Nils Schnell: Das Worst Case-Szenario wäre gewesen, dass unsere Kund*innen uns fallen lassen. In dem Fall hätten wir uns in einem spannenden Unternehmen anstellen lassen. Nach allem, was wir von unseren privaten Reisen kannten sowie von anderen Weltreisenden gehört hatten, konnten wir uns ohnehin nicht vorstellen, dass wir uns nicht weiterentwickeln. Wir haben einfach viel Potenzial gesehen.

Welche Ihrer vielzähligen Begegnungen auf den verschiedenen Kontinenten waren denn Ihre Highlights? Lassen Sie uns mit der Reise beginnen, die Sie über Osteuropa nach Asien geführt hat.

Anna Schnell: In Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, haben wir Khulan kennengelernt. Sie hat uns vor Augen geführt, wie man in einem schwierigen Umfeld Nachhaltigkeit mit Innovation verbinden kann. Ganz ohne Investoren hat sie ihr Unternehmen L‘hamour aufgebaut, das Hautpflegeprodukte mit natürlichen Rohstoffen aus der Region herstellt und auch sonst sozial und ökologisch nachhaltig ausgerichtet ist.

Dazu muss man wissen, dass Ulaanbaatar aufgrund der Lage in einem Talkessel einer der Städte mit der höchsten Luftverschmutzung ist, was bei vielen Menschen neben Atemwegserkrankungen auch für Hautprobleme sorgt.

Khulan war selbst betroffen und hat sich und anderen mit ihren Produkten geholfen. Sie hat es geschafft, sich am heimischen Markt zu etablieren – trotz harter Rückschläge. So waren ihr etwa sämtliche Rezepturen gestohlen wurden. Inzwischen expandiert sie sogar in die USA und nach Europa.

Nils Schnell: In Ulaanbaatar haben wir auch gelernt, dass der klassische Tauschhandel der einfachste Weg sein kann, miteinander ins Geschäft zu kommen. Über Khulan haben wir die General Managerin eines Hotels kennengelernt. Mit ihr konnten wir einen Barter-Deals aushandeln: eine Woche kostenlos übernachten im Austausch für 2 Power Tandem Coachings, die wir gegeben haben.

Was haben Sie denn aus Afrika für sich mitgenommen?

Nils Schnell: In Süd-, Ost- und Westafrika haben wir trotz aller Herausforderungen einen Kontinent im Aufbruch erlebt, von dem wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten positiv überrascht sein werden. Die Bevölkerung ist dort meist sehr jung und die Menschen sehr technikaffin, begeisterungsfähig und motiviert.

Anna Schnell: In Lagos in Nigeria, waren wir zu Gast bei den Magic Carpet Studios, einem Unternehmen, das unter anderem Animationsfilme macht und afrikanische Geschichten modern interpretiert. Die Filmbranche ändert sich einerseits technisch sehr schnell, andererseits haben die Studios kein großes Weiterbildungsbudget. Die Mitarbeitenden haben daher ein internes Lernformat auf die Beine gestellt, bei dem Mitarbeitende einmal in der Woche mit allen Interessierten ihr Wissen teilen, das sie sich extern angeeignet haben. Dadurch, dass die Mitarbeitenden die Inhalte bestimmen, wurden sie zu Mitgestalter*innen und Mitdenker*innen. Sie hatten dafür das „Go“ der Unternehmensleitung und durften sich die Arbeitszeit dafür nehmen.

Unsere Lesson Learned: Wenn man Weiterbildung auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten will, kann man es umsetzen.

Wenn Sie eine Begegnung in Südamerika hervorheben sollten – welche wäre das?

Nils Schnell: Wir haben in Chile ein Start-up namens Wheel the World kennengelernt, das 2018 von zwei Chilenen in den USA gegründet worden ist. Es hat sich auf die Fahne geschrieben, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen weltweites Reisen zu erleichtern. Sei es durch entsprechende Reisebegleitung oder Faktenchecks im Hotel, ob es wirklich behindertengerecht ist. Der Austausch mit den Mitarbeitenden sowie dem Head of HR hat uns noch einmal in einem zentralen Leitsatz von New Work bestärkt:

Eine Arbeit, bei der die Sinnhaftigkeit so auf der Hand liegt wie in diesem Fall, fühlt sich manchmal gar nicht mehr nach Arbeit an.

Anna Schnell: Was uns auch beeindruckt hat: Diversity wird dort nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gelebt. Es arbeiten mehr Menschen mit Beeinträchtigungen bei Wheel the World als bei allen anderen Unternehmen, die wir besucht haben. Die spezielle Arbeitsatmosphäre und vor allem die Inhalte sorgen auch dafür, dass typische Konflikte aus anderen Unternehmen dort gar nicht so vorkommen, weil man immer im besten Sinne für die Kund*innen entscheidet.

Nils Schnell: In Bolivien haben wir ein schönes Beispiel für Gemeinschaftssinn kennengelernt. Dort haben wir den Gründer eines erfolgreichen Start-ups getroffen. Er hat es geschafft, einen Grundsatz zu leben und diesen auch in die Szene hineinzutragen: Es werden keine Mitarbeitenden von anderen Start-ups abgeworben – es sei denn, ein Unternehmen geht pleite. Seine Überlegung: Die Gründerszene in Bolivien ist noch sehr fragil. Wenn sie gestärkt wird, profitieren alle Start-ups davon.

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Wenn Sie das Arbeiten in Deutschland mit Ihren weltweiten Erlebnissen vergleichen: Welche grundlegenden Erkenntnisse haben Sie auf Ihren Reisen gewonnen? Wo können wir uns eine Scheibe abschneiden? Aber auch: Haben Sie manchmal „typisch deutsche“ Tugenden vermisst?

Nils Schnell: Was wir vielfach festgestellt haben: Dinge werden woanders einfach umgesetzt – vielleicht nicht immer perfekt geplant, wie wir es in Deutschland machen würden, aber dadurch deutlich früher und schneller. Dieses „Ins-Tun-kommen“ ist beispielsweise in den afrikanischen Ländern, wo wir waren, weit verbreitet.

Anna Schnell: „Typisch deutsch“ – das wird international häufig mit den Begriffen „ordentlich“, „qualitativ hochwertig“ oder „TÜV“ verbunden. Viele Menschen schätzen unsere Vorgehensweisen und vor allem die Erfahrung, die wir in Deutschland gesammelt haben.

Würden wir das nun mit einer mutigen und vor allem fehlertoleranten Vorgehensweise kombinieren, wäre das ein einzigartiger USP.

Weiter haben wir in unserem Buch „Die Modern Work Tour“ neun Modern-Work-Prinzipien herausgearbeitet, die unsere Erkenntnisse aus der gesamten Tour zusammenfassen und mit Unternehmensbeispielen beschreiben. Als zentrale Begriffe sind hier „Vielfalt“ und „Sinnzuschreibung“ zu nennen.

Sie stellen Ihre gesammelten Erfahrungen und Einsichten auch Unternehmen zur Verfügung – als Speaker, Impulsgeber und Beratende. Was interessiert denn die Leute, die Sie ansprechen, besonders? Was dürfen Auftraggebende von Ihnen erwarten?

Anna Schnell: Die Erkenntnisse der Modern Work Tour liegen gerade hoch im Kurs, denn wir bringen interkulturelles Wissen nicht nur aus der „deutschen Perspektive“ ein, sondern lassen auch andere Kulturen mit anklingen. Das ist aktuell vor allem für den Mittelstand, der auch weltweit agiert, sehr spannend. Zudem haben wir als Coaches in den 55 Ländern ganz besondere Kenntnisse gesammelt, die wir nicht nur für die persönliche Weiterentwicklung, sondern auch die Unternehmensentwicklung anwenden. Vor allem wenn es um Umsetzungsmöglichkeiten geht, werden wir häufig angefragt.

Das Interview führte Alexander Kolberg.

 

Über die Personen

Anna ist eine Meisterin im strukturierten Vorgehen und Feintuning gemeinsamer Arbeitsweisen. Ihre über 10-jährige Expertise als zertifizierte Business-Coach, Trainerin von Softskills und Moderatorin verbindet Anna mit ihren vielfältigen, internationalen Einblicken und Arbeitserfahrungen aus 40 Ländern und über 130 Unternehmen. Ihr ist es ein großes Anliegen, ihr Wissen weiterzugeben. Deswegen bildet sie selbst an der Europäischen Fernhochschule Hamburg Business Coaches und an der Digethic... mehr

Nils ist ein nordischer Visionär mit kühlem Kopf und Feuer im Herzen für große Ideen und spannende Herausforderungen. Als ehemaliger Leadership Coach von Jimdo und interner Berater und Trainer bei Trivago bringt er Wissensvernetzung in Schwung und hilft aus der Komfortzone auszubrechen. Gemeinsam mit Anna hat er einen Hochschul-Zertifikatskurs zu New Work an der Europäischen Fernhochschule in Hamburg aufgesetzt.

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